1. EURO TANDEM TOUR 2020

unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann

„Europa der Regionen“

30.08.-06.09.2020

Warum es zu zweit so motivierend und erfolgreich sein kann

Wer mit einem Handicap zu leben hat, weiß jeden Tag erneut, wie herausfordernd das Leben sein kann: Barrieren scheinen nie aufzuhören. Wenn es uns als Gesellschaft jedoch wichtig ist, jede/n am Arbeitsleben, an Kultur und Freizeit teilhaben zu lassen, dann brauchen wir Events wie die ETT 2020. Wie auf allen Touren zuvor demonstrierte sie , wie viel Spaß es macht, wenn sich Menschen mit Sehbehinderungen und solche mit gesunden Augen auf ein gemeinsames Tandem setzen und der erstaunten Öffentlichkeit zeigen, wie beeindruckend Beine im Gleichklang treten können und wie gut Inklusion funktioniert. Weder Regen noch andere Zeichen des herannahenden Herbstes konnten die 45 Teilnehmer*innen, darunter 14 auf Tandems, 8 auf Einzelrädern und 9 Freiwillige im Einsatz für eine reibungslose Organisation, davon abhalten sich 7 Tage lang jeden Morgen um 9 Uhr auf den Sattel zu schwingen und im Durchschnitt 125 km mit rund 900 Höhenmetern abzuarbeiten. Mit einer Tagesgeschwindigkeit zwischen 20 und 22 km/h glitten die gelben Trikots durch die wunderbaren Landschaften von Württemberg, Baden und Franken.

Was denn die Sehbehinderten wahrnehmen würden, wurden wir bei einem Empfang in einem der vielen Rathäusern auf unserer Strecke von Stuttgart via Rottweil, Konstanz, Biberach, Aalen, Rothenburg, Mainhardt bis nach Esslingen gefragt. Den Wind im Gesicht, den Regen auf der Haut, die Sonne, die wieder wärmt. Und das Gras, das frisch geschnitten wurde, das Dillfeld, das Lust auf Gurkensalat macht, die Vögel am Morgen, die Kühe, die dem Tross hinterhermuhen und vieles mehr.

Es ist die Leidenschaft für die Bewegung, die alle glücklich macht und es ist die Freude am Helfen und die Zufriedenheit damit, dass einem einfach so geholfen wird. Beim Radfahren, beim Weg ins Hotelzimmer, im Restaurant … Plötzlich spürt man, dass Synergien entstehen und eine unglaubliche Gruppendynamik Menschen vernetzt oder um im Radjargon zu bleiben: verzahnt. Die Kette läuft, gut geschmiert voller Mitmenschlichkeit und alle scheinen das Jagst- und Kochertal nur noch so hinauf- und hinunterzufliegen. Die Anstrengung am Berg und die Geschwindigkeit, wenn es abwärts geht, beängstigen nicht mehr, weil die Gruppe und die Partner*innen Kraft geben, sich auf etwas einzulassen, das sich jeder immer wünscht: Vertrauen haben zu dürfen.

Es scheint sich in vielen Kommunen mehr zu bewegen. Inklusion ist ein Thema, dessen sich die Verwaltungen bewusst sind. Dass die HEM Schwerger-Stiftung trotz Corona, aber mit den notwendigen Schutzmaßnahmen, an dieser Veranstaltung für Gemeinsamkeit und Aufmerksamkeit festhielt, begrüßten zahlreiche Bürgermeister und auch die Landtagsabgeordnete des Kreises Esslingen, Andrea Lindlohr, die die ETT 2020 am vergangenen Samstag vor dem alten Rathaus in Esslingen bei ihrer Rückkehr willkommen hieß. Gerade in Zeiten, bei denen viele auf Abstand gehen, benötigt man Initiativen, die an jene denken, die andere brauchen. Dazu tragen insbesondere Bürgerstiftungen und vor allem Vereine bei, weshalb es so großartig war, dass der RKV Neuhausen mit vier ambitionierten und äußerst erfahrenen Rennradfahrer*innen an der Tour teilnahm, seine Expertise einbrachte und am Berg dem ein oder anderen Tandem sanft die Hand auf den Rücken legte und dann ging es zu dritt fröhlich den Hang nach oben.

Nun, da die Tour vorbei ist, fühlen wir mehr Kraft denn je, anderen von unseren Visionen zu erzählen, um noch mehr Menschen dazu zu ermutigen, bei unseren Veranstaltungen mitzumachen und mit uns Ideen und Projekte zu entwickeln, die uns als Gesellschaft stark machen.

Allen, die mitgemacht haben, gilt unser großer Dank. Die ETT 2020 war eine Veranstaltung, an der viele mitgewirkt und sich eingebracht haben. Horst Schwerger war wie immer der große Denker und Lenker des Unternehmens ETT 2020. Hätte er nicht den großen Ehrgeiz gehabt auch noch mit 82 Jahren eine Tour zu planen, umzusetzen und natürlich mitzufahren, hätten wir alle etwas Unglaubliches verpasst. Ohne seinen Dauerpiloten Gerhard Voggenreither wäre diese Tour aber auch nicht möglich gewesen. Noch immer dröhnt sein Ruf: Schalten, schalten, schalten! in unseren Ohren. Den alten Herrn hat er sicher, wie es sich für einen pensionierten Polizisten gehört, über die ganze Strecke gebracht und hat es auch stets geschafft, das passende Maisfeld für akut banale Bedürfnisse zu finden.

Die Tour hätten wir aber nicht genießen können, gäbe es nicht die Seele der ETTs: Karl-Heinz Picard. Die schönsten Wege Deutschlands kennt nur er und flüstert sie in unsere Speichen. Traumtouren für Traumteams. Dazu gehören seine langjährigen Radfreunde Katharina und Heinz Werner Janicke, die ihn die gesamte Tour flankierten und das Tempo des Trosses wohl temperierten. Seine Autorität und seine Unaufgeregtheit geben dem ganzen Unterfangen die notwendige Professionalität – und dies schon seit vielen Jahren.

Natürlich findet die Tour nicht nur während der bekannten 7 Tage statt. Ein Jahr plante und feilte ein Team aus Freiwilligen an der perfekten Route, den Unterkünften, Empfängen und an der Verpflegung. Klar war da auch der Picard dabei, denn der kennt sich aus mit der Polizei! Jutta Beirle führte alle Stränge in der Strohgäustraße zusammen und war als „Frau für die Finanzen“ kurzweg für alles zuständig. Nur wenn das Telefonteam Birgit Kronmüller und Charles Coelsch den Chef besetzten, konnte sie kurz durchatmen und bei Mirijam Belli, die den Antrag auf Unterstützung bei Aktion Mensch zur Freude aller erfolgreich durchbrachte, noch zusätzliches Wissen aus den vorangegangenen Touren ergattern. Geholfen war den Neuhäusern, weil Hildegard und Roland Stein alle Rathäuser auf der Route anschrieben und gebührende Empfänge vor Ort organisierten. Dabei fanden sie die nettesten Bürgermeister in ganz Baden-Württemberg!

Während der Tour waren alle Teilnehmer*innen umsorgt von den „wunderbaren Sisters“ Mona Hansch und Bärbel Götzendorfer, die eine Gourmetfreude nach der anderen auf ihre kleinen Tische zauberten. Unaufhörlich wurde einem eingeschenkt und für die wunden Popos hielten sie sogar super Campingstühle bereit. Zeit zum Klatschen und für motivierende Zurufe hatten sie darüber hinaus auch noch! An ihrer Seite stand die „Schokoladenfrau“: Annette Schulze. Sie, die Mutter der Truppe oder auch gern Feldmarschall genannt, sorgte stets dafür, dass jeder seine Zuckerration bekam, unfallfrei zur Toilette fand und dankbar seinen Zimmerschlüssel entgegennehmen konnte. Zusammen mit Jutta Beirle lenkte sie das Kurierfahrzeug, so dass Jutta auch während der Tour ständig weiter- oder gar umorganisieren konnte.

Der Besenwagen, gelenkt und koordiniert von Herbert Saurwein hatte auf dieser Tour erstaunlich wenig Gäste. Und wenn es dann mal welche gab, freute er sich über jede Unterhaltung, denn den ganzen Tag hinter dem Tross hinterherzufahren, ist weiß Gott nicht einfach! Sein Adjutant, Timur Schwerger, hievte das ein oder andere Tandem in den Anhänger und bestückte nebenher die Facebookseite mit neuen Bildern (@HEMschwergerstiftung). Am Ende der Begleitfahrzeuge fuhr der Gepäckwagen, in dem Kenan Ustaoglu über zahlreiche Koffer, Taschen und Rucksäcke herrschte, vorausgesetzt er musste nicht als Ersatzpilot fungieren. Tja, auch die ETT erfordert Flexibilität in allen Bereichen.

Damit wären die offiziellen Helfer*innen genannt, doch irgendwie waren auch all die anderen Helfer*innen. Jede/r Pilot/in half seiner/m Copilotin/en. Hella Kreischer beschrieb Gregor Cordes sehr eindrucksvoll, durch welche Landschaft wir fuhren und fand zudem noch Zeit, Schalttipps für unerfahrenere Piloten weiterzureichen. Hildegard Stein ermunterte ihren Mann stets und Thomas Wulftange war mit dem Einsatz seiner Frau Sylvia voll und ganz zufrieden. Ewald Simon bestätigte, dass seine Copilotin Maren Schwerger auch treten würde und Frank Müller fragte seine Frau Renate mindestes einmal am Tag, ob es ihr gut gehe. Auf dem Tandem „Die tollen Stefans“ herrschte Einigkeit über die mangelnde Qualität an deutschen Unis und Elke Weber und Gabi Fuchs umgab die Aura, dass hier zwei Freundinnen durch dick und dünn gehen. Genau so sah es bei den beiden „großen Jungs“ von der Rhön aus: Ewald Reulbach und Edgar Eisenmann. In die Pedale stampfend und im Gleichtakt verstanden sich diese Freunde ganz ohne Worte. Beim Team Friedrich Zahn und Gert Jeremias wurden Worte in die Hände geschrieben. Gemeinsam überstanden die beiden einen kurzen Krankenhausaufenthalt in Biberach und waren dann wieder gesund ab Rothenburg dabei. Adelheid Traub und Roland Sieber stiegen mit sanften 1-2-3 in die Klickpedalen und danach strahlte das ganze Tandem die positive Energie seiner Copilotin aus. Diese Energie hatte auch Gottfried Schulze zu versprühen, wenn er im Einzelrad als Anschieber fungierte oder abwechselnd für schwächelnde Pilot*innen einsprang. Als Traumpiloten hatte Hella ihn bezeichnet. Diesem Titel erwies er alle Ehren. Super sympathisch fanden alle den Mann von der weißen Speiche: Marco Vogel. Ohne zu zaudern und zu hadern, hatte er sich mit Werner Schend per Tandem nach Stuttgart aufgemacht. Vorne Gepäck und hinten Gepäck pedalierten sie durch die Hügellandschaft Süddeutschlands. Manchmal raunte Marco Werner zu, er möge mehr treten, doch da wusste Werner schon, dass er dies bereits tat.

Und ganz zum Schluss muss unseren Profis vom RKV Neuhausen gedankt werden. Silke Wellen motivierte alle bis zum Schluss und Markus Weber brillierte mit seinem unverwechselbaren schwäbischen Humor. Die meisten Medaillen gebühren jedoch Manfred Rank und Dieter Schlachtberger, denn ihre helfenden Hände ruhten an keinem Berg. Unermüdlich fuhren sie rauf und runter, damit alle „Schäfchen“ dahin kamen, wo schon Karl-Heinz Picard wartete! Oben nämlich!

Maren Schwerger